Feb
02
2011
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Ein subjektiver Blick auf das WeTab

Hat IT-Geschichte in Deutschland geschrieben: das WeTabNachdem ich ein Faible für Underdogs habe, dem Unperfekten offen gegenüberstehe, ein Tablet von Apple aufgrund deren Produktimperialsmus nicht in Frage kam, ich dafür aber ein mit Linux angetriebenes Gerät wollte, habe ich mir Ende letzten Jahres ein WeTab gekauft. Gut, ein Android-Tablet von Samsung stand kurz auch zur Debatte, schied dann aber aus, weil ich mir davon keine neue Nutzererfahrung versprach – schließlich habe ich bereits ein Smartphone mit Android und ich weiß,was ich daran habe.

Vor dem Kauf des WeTab habe ich mich ziemlich lange im Web informiert und mich auf einschlägigen Seiten herumgetrieben, auf denen das WeTab kontrovers diskutiert wurde (und wird). Auffällig fand ich, dass vor allem Apple-Jünger genüsslich ein regelrechtes WeTab-Bashing betrieben und gebetsmühlenartig auf den vermasselten Start des ersten von einer deutschen Firma entwickelten Tablets und auf seine technischen Schwächen hinwiesen. Ab November reagierte z.B. auf Facebook der Anti-WeTab-Mob mit dicker Häme auf jede kleine Pressemitteilung der WeTab-Community. Das war auch die Zeit, als erste Software-Updates für das WeTab herauskamen und Funktionen endlich nachgerüstet wurden, die für das Tablet schon längst angekündigt waren. wetablogo
Da ich für kontroverse Glaubensfragen schon von Berufs wegen stets offen bin, habe ich mir spontan das Teil dann auch zugelegt, als ich auf Ebay ein entsprechend günstiges Angebot entdeckte.

Hardwareseitig gibt es für mich wenig zu kritisieren. Das Gerät liegt gut in der Hand, ist solide verarbeitet und lässt sich flüssig mit der Hand bedienen. Dass der Bildschirm stark blickwinkelabhängig ist, stört mich nicht – schließlich muss auf einer Zugfahrt ja nicht jeder mitbekommen, an wen ich mit meinem Tablet gerade eine Mail schreibe.
Das WeTab ist videotauglich und kann Flash, Videos werden ohne Murren wiedergegeben. Lediglich der Lüfter, der unter Last dann und wann anspringt, könnte bei empfindlichen Geistern für Kritik sorgen – mich stört er nicht, da er sehr leise zu Werk geht. Der Touchscreen ist in Ordnung, spricht gut an – wenn auch sicher nicht so flott wie das Gegenstück beim iPad. Der Akku hält gute 5 Stunden, was nicht überragend ist, aber bei der verwendeten PC-Technik auch nicht weiter wundert.Blick auf den WeTab-Desktop
Dass das WeTab – anders als etwa das iPad – von Anfang an ein offenes System ist, zeigen die unterschiedlichen Anschlüsse, die ausreichend vorhanden sind, um das WeTab mit der Außenwelt oder anderer Hardware in Kontakt zu bringen (mehr dazu). Aufrüsten mit mehr RAM oder einer neuen, größeren SSD ist problemlos möglich – sofern man kein Grobmotoriker ist.
Generell halte ich aber nichts davon, das WeTab mit dem iPad zu vergleichen: das WeTab ist für mich ein Netbook (es wird ja auch Netbook Hardware verwendet), das ich prima per Touchscreen mit den Fingern bedienen kann. Mit dieser Einschätzung stehe ich nicht alleine da.

Die auf dem WeTab installierte MeeGo-Variante, aka WeTab-OS, mit den installierten Anwendungen lässt mich allerdings in meiner Beurteilung hin und her schwanken. Aber zunächst einmal, was mir sehr gut gefällt:

  • exzellente Boot-Zeit von nur wenigen Sekunden
  • in großen Teilen gut ans WeTab angepasst, bzw. gut mit den Fingern bedienbar, Multitouch läuft
  • unter der Haube ist ein “echtes” Linux, das ich um benötigte Funktionen erweitern kann
  • ein alternatives OS ist – falls gewünscht installierbar, wenn auch vermutlich für Anfänger nicht zu empfehlen
  • ein “echt steiles” User-Interface mit innovativem Konzept

Meego-LogoWas mir nicht so gut gefällt:

  • das User-Interface mit innovativem Konzept
  • wenig “echte” WeTab-Anwendungen – faule Adobe-Air-Kompromisse mit zweifelhaften Vorteilen
  • manche mitgelieferten Anwendungen sind einfach “Banane”
  • der Browser: kein Werbeblocker, keine browserinternen Bookmarks

Da ich das WeTab hauptsächlich zum Surfen und Mailen verwende, ärgerte ich mich vor allem über den Browser, der Lesezeichen direkt auf dem WeTab Desktop ablegt, anstatt eine vernünftige eigene Linkverwaltung mitzubringen. Außerdem ist der Browser nicht mit liebgewordenen AddOns auszustatten, z.B. mit einem vernünftigen Werbeblocker.
Also bestand meine erste Aktion nach zweitägigem Testen darin, neben WeTab-OS noch ein aktuelles Kubuntu zu installieren. Nach einigem Konfigurieren hatte ich Kubuntu soweit, das es sehr gut auf dem WeTab lief. Jetzt hatte ich meinen gewohnten Browser zum Surfen. Was mich aber massiv störte: Scrollen per Touch war nicht möglich (ärgerlich beim Websurfen) und Multitouch ging überhaupt nicht. Und das größte Manko: die On-Screen-Tastatur musste ich immer händisch für Eingaben aufrufen. Unter WeTab-Os springt die virtuelle Bildschirm-Tastatur von selbst an. Also war das Experiment Kubuntu für mich nach einigen Tagen wieder erledigt.Das WeTab "stationär" mit Tastatur und Maus

Umbauten dieser Art waren eigentlich überhaupt nur mit dem auf wetab-community.com bereitgestellten Wissen möglich. Dort gibt ein langsam wachsendes Wiki und ein Forum auf viele Fragen kompetent Antwort.
Und: immerhin geht das Installieren von anderen Systemen auf dem WeTab! Das ist die Freiheit, die ich brauche, wenn ich Computer benutze: ich möchte selbst gern entscheiden, was darauf läuft.

Mein Ausflug nach Kubuntu überzeugte mich also nicht wirklich, so dass ich Gelegenheit hatte, das Recovery-Image von WeTab-OS auszuprobieren: das Zurücksetzen auf Auslieferungszustand klappte damit gut.

Momentan bin ich dabei, mich an den WeTab-Desktop zu gewöhnen. Die Steuerung bzw. das Scrollen über Felder links und rechts vom Desktop finde ich z.B. wirklich klasse gelöst. Dieses Feature sorgt immer mal wieder für spontanen Beifall, wenn ich das WeTab mal irgendwo zeige. Dass das WeTab durchaus einen gewissen Wow-Faktor hat, z.B. wenn man mit dem WeTab-eigenen Bildbetrachter auf der Couch Fotos präsentiert, liegt meiner Meinung wohl eher daran, dass Tablet-PCs ein immer noch bei vielen unbekanntes Bedienkonzept haben und die Bedienung mit der Hand für einen Aha-Effekt sorgt, einfach weil die Idee so bestechend (einfach) ist.

Ansonsten klappen auf meinem WeTab jetzt die Dinge, die ich als Linuxer unverzichtbar finde:

  • (Root-)Shell mit Midnight-Commander
  • SSH und SAMBA-Zugriffe über das Netz
  • Wechseln auf Konsole via STRG+ALT+F1

Screenshot vom WeTab-DesktopFazit für mich: Das WeTab ist ein prima Netbook-Ersatz, das ich gerne zum Surfen und Mailen unterwegs nutze. Mit dem iPad sollte das WeTab nicht verglichen werden. Ein vollwertiger Netbook-Ersatz ist es für mich auch nicht, da das Tippen vor allem längerer Texte unterwegs mit der virtuellen Tastatur doch relativ mühsam ist. Eine kurze Email dagegen ist für mich auf dem Bildschirm-Keyboard kein Problem. Immerhin kann man ans WeTab eine Tastatur und Maus anschließen und somit auch gut “stationär” daheim am Schreibtisch nutzen, falls man einmal längere Texte darauf schreiben muss.

Für mich ist es wichtig, dass ich ein Gerät benutzen kann, das ich leicht mitnehmen kann, technisch Top ist und auf dem ein freies Betriebssystem läuft – mit allem, was ich unterwegs so an Software benötige. Als Linuxer fühle ich mich darum auf dem WeTab pudelwohl. Für die Zukunft bin ich gespannt, ob irgendwann die versprochene Unterstützung für Android-Apps noch umgesetzt wird. Kaufempfehlung? Ein klares Ja für Leute, die mit Linux klar kommen… :-)

Links:

Ulrich Berens

Mein Name ist Ulrich Berens, ich bin einer der Gründer von LUKi und derzeit Vorsitzender von unserem Verein LUKi e.V.. Nicht nur privat, sondern auch dienstlich benutze ich seit 1998 Linux und beweise damit, dass sich Linux in einem kirchlichen Büro problemlos einsetzen lässt. Auf identi.ca und Twitter bin ich privat als @infoleck unterwegs, auf Google+ und auf Friendica bin ich auch vertreten. Mein privater Blog findet sich unter: www.berens.net und mein Fotoblog unter: www.ulrich-berens.de. Auf Tumblr sammle ich Sachen unter dozemode.com. Berufliches findet sich unter familienseelsorge.de.

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2 comments

  • Doch das geht natürlich: Chromium oder Firefox – kein Problem. Damit hat man dann auch eine Lesezeichenverwaltung im Browser.

    Allerdings besteht hier auch ein gravierender Nachteil: die Steuerelemente, Navigation, Links usw. in diesen Standardbrowsern sind mit den Fingern nur schwer zu bedienen, weil sie zu klein sind. Der mitgelieferte (auf Webkit basierende) Browser hat schön große Schaltflächen (z.B. vor und zurück oder Verlauf), die die Fingereingabe deutlich erleichtern…

    Gruß
    Uli

  • Danke für deine Eindrücke, das gefällt mir sehr gut.

    Was ich nicht ganz verstehe: ist es nicht möglich einfach einen anderen Web-Browser zu installieren?

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